Seit Anfang 2023 arbeite ich künstlerisch mit Lockenwicklern. Bereits nach den ersten Versuchen erkannte ich das Potenzial dieses „Werkstoffs“, und das Projekt begann, eine eigene Dynamik zu entfalten. In kurzer Zeit entstand eine Vielzahl von Objekten mit unterschiedlichsten Formen und Strukturen. Durch die Lockenwickler-Geschichten, die begleitenden Dokumente und die Sammlung gewann das Projekt zusätzliche inhaltliche Ebenen.
Warum Lockenwickler?
Zelle, Kern und Wachstum gehören seit langem zu meinen zentralen Themen. Meine Auseinandersetzung mit organischen Formen reicht bis in die 1990er Jahre zurück. Damals arbeitete ich mit transparenten Kunststoffen. Später wurde meine Gesundheit zum Auslöser, Materialien zu bevorzugen, die dem Alltag entstammen – zunächst Wattestäbchen, später in meiner Fotokunst dann Milch und Honig, Schnittblumen und Früchte.
Mit seiner runden, offenen Konstruktion erwies sich der Lockenwickler schließlich als geeigneter Ausgangspunkt für die neuen Objekte. Seine Transparenz und die Vielfalt der Farben eröffnen zugleich eine malerische Dimension. Die Wickler verhalten sich wie Rasterpunkte, deren Farben sich im Auge mischen – ähnlich den vibrierenden Farbflächen spätimpressionistischer Malerei, die mich seit meinem Malereistudium begleiten.
Start mit 71 Wicklern
Im Januar 2023, kurz nachdem die Idee zu den neuen Objekten entstanden war, erhielt ich von meinem Friseur die ersten Lockenwickler. Alex Sebald war gerade dabei, mit seinem Salon umzuziehen, er stellte mir seine alten Wickler zur Verfügung. Darunter waren viele rote Filzwickler, wundervolle beflockte Metallwickler. Wenig später fertigte ich daraus mein erstes vollplastisches Lockenwickler-Objekt, das später den Titel ALEX bekam.
Social Media und Onlinemarktplatz
Es war eine bewusste Entscheidung, ausschließlich mit gebrauchten Lockenwicklern zu arbeiten. So startete ich Aufrufe mit dem Titel „Wer hat alte Lockenwickler“ auf Instagram und Facebook – und erhielt wunderbare Spenden von Menschen aus meinem Umfeld. Dafür bin ich den Spender*innen sehr dankbar.
Schon bald war mein Bedarf jedoch so groß, dass ich nach weiteren Quellen suchte. Fündig wurde ich auf Ebay und bei Kleinanzeigen. Es ist erstaunlich, wie viele Angebote es dort gibt. Die Lockenwickler werden aus den unterschiedlichsten Gründen abgegeben: weil ihre Besitzer*innen auf den Lockenstab umgestiegen sind, sich von der Lockenfrisur verabschiedet haben oder die Wickler bei ihnen nie richtig funktioniert haben. Viele konnte ich aus Wohnungsauflösungen erwerben, größere Konvolute stammen zudem aus Friseursalons.
Die Geschichten der Vorbesitzer*innen
Bei vielen Käufen über Ebay traf ich auf sehr kommunikative Verkäufer*innen. Daraus entstand die Idee, sie zur Vorgeschichte der Lockenwickler zu befragen. Über die Nachrichtenfunktion „Verkäufer kontaktieren“ konnte ich ihnen das Projekt vorstellen.
Die Resonanz ist überwältigend: Etwa die Hälfte der Verkäufer*innen stellte mir ihren Namen und Wohnort zur Verfügung. Von vielen erhielt ich zudem Geschichten und Fotos, die ich veröffentlichen darf. Dafür danke ich allen Beteiligten sehr herzlich.
Das Kind braucht einen Namen
Dieser Satz inspirierte mich seinerzeit, meinen Weintrauben-Portraits Namen zu geben. Während diese damals frei erfunden waren, sind die Namen bei den Lockenwicklern nun authentisch.
Im Objekt COLLEEN etwa befindet sich ein Lockenwickler von Colleen G. aus Göttingen, den ich mit einem Namensetikett versehen habe. Für mich steht er stellvertretend für die zahlreichen Vorbesitzer*innen der rund 650 Lockenwickler in diesem Objekt. Da viele aus Friseursalons stammen, muss die Zahl der Personen, die mit ihnen in Berührung kamen, riesig sein.
Vom Lager zur Sammlung
Für ein großes Objekt benötige ich Hunderte von Lockenwicklern. Hierzu sortiere ich sie nach Material und Farbe und halte stets etwa fünf- bis zehntausend Exemplare vorrätig.
Die Vielfalt der Lockenwickler – so unterschiedlich, wie ich es nie erwartet hätte – hat inzwischen auch so manchen Friseur verblüfft und bei mir eine regelrechte Sammelleidenschaft entfacht. Regelmäßig stoße ich auf skurrile Ausführungen: aus pinkem Silikon, golden oder getigert, in ungewöhnlichen Größen und Formen. Oft werde ich gefragt: „Sind das wirklich alles Lockenwickler?“
Zugleich wirft die immense Vielfalt an Produkten, die allein der Locke dienen, Fragen zu unserer gesamten menschlichen „Dingwelt“ auf:
Das Lockenwickler-Dokument,
ein kleines Kunstwerk voller Geschichte
Im Lockenwickler-Dokument fließen alle Aspekte des Projekts zusammen: Es erzählt die Geschichte des einzelnen Lockenwicklers und seiner ursprünglichen Anwender*in, zeigt den Wickler selbst, die Person dahinter und das Kunstobjekt, in dem er verwendet wurde. Es dokumentiert alle Informationen zu Kauf oder Spende.
Als limitiertes Dokument in einer Auflage von fünf Exemplaren ist es nicht nur eine Gegenleistung für alle, die ihre Geschichten und Fotos geteilt haben, sondern auch ein eigenes kleines Kunstwerk, das die Einzigartigkeit jedes Beitrags feiert.
Vorschau: Das Lockenwickler-Buch
Parallel zu alldem entsteht ein LOCKENWICKLER-Buch. Es wird neben den Objekten, den Lockenwickler-Geschichten und Dokumenten auch historische und gesellschaftliche Aspekte dieses Alltagsgegenstands beleuchten. Geplant ist die Veröffentlichung für 2027.